FrankfurtInTakt-FiT-Fruehjahr2010

Frankfurt in Takt 10/1 Dabei werden „Exzellenz“ und „Elite“ kritisch gesehen. „Exzellenz“ wird zwar als Messlatte, nach der man strebt, akzeptiert. Niemand bezeichnet sich jedoch selbst als exzellent. Es herrscht weitgehen- der Konsens darüber: Wer sich als Künstler zurücklehnt und von sich sagt, er sei jetzt „exzellent“, der hat aufgehört, Künstler zu sein, weil er sich selber nicht mehr hinterfragt. Auch den Begriff „Elite“ will niemand auf sich selber beziehen. Wozu auch? Alles, was mit Elite assoziiert wird – Einfluss, Macht, gesellschaftliche Führungsposition, Exklusivität – hat mit dem Selbstverständnis unserer Hochschulangehörigen wenig zu tun. Künstlerisch tätige Menschen sind Individualisten, die sich nicht vereinnahmen lassen wollen, auch nicht – schon gar nicht – als „Elite“. Trotzdem sind beide Begriffe für uns von großer Bedeutung. Das Streben nach Exzellenz steht im Mittelpunkt unserer Ausbildung, und natürlich ist unsere Ausbildung „elitär“ – im positiven Sinne. Alle Hochschulangehörigen verbindet das Bestreben, besser zu werden, sich zu vervollkommnen beziehungsweise die Studierenden dazu anzuhalten. Die harten Diskussionen mit den Lehrenden führen wir im Präsidium nicht über mehr Gehalt, Reisekostenzu- schüsse oder Deputatsreduzierungen. Wir setzen uns über bessere Ausbildungsbedingungen auseinander, über weitere Arbeitsräume oder zusätzliche Stellen für die Lehre. Und die Studierenden beklagen sich nicht darüber, dass die Anforderungen zu hoch seien, im Gegenteil: Sie fordern mehr Überäume und längere Öffnungs- zeiten. Die Qualität unserer Ausbildung und ihre Verbesserung, das sind Kernthemen unserer Institution – und was ist das anderes als das stete Bemühen um mehr Exzellenz? Warum bewerben sich jährlich fast 1000 junge Menschen aus dem Ausland um einen der 150 Studienplätze an unserer Hochschule? Weil es weltweit bekannt ist, dass die künstlerische Ausbildung in Deutschland „exzellent“ ist und weil viele unserer Lehrenden einen internationa- len Ruf genießen. Und wenn die Studierenden den Begriff „Exzel- lenz“ ablehnen, dann tun sie das aus einer Haltung heraus, die hoch zu achten ist: Dahinter stehen das Bemühen um Wahrhaftigkeit, das Wissen um den schweren Weg des Künstlers und darum, dass jener mit Sicherheit nicht weiterkommt, der sich auf seinen Leistungen ausruht. Unsere Ausbildung ist „elitär“, weil sie konsequent den Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Unsere Studierenden werden fast aus- schließlich im Einzelunterricht oder in kleinen Gruppen ausgebildet. Sie stehen als Individuen im Zentrum der Ausbildung. Wenn man das mit der Situation an den Universitäten und Fachhochschulen vergleicht: Welch ein Privileg, so studieren zu können! Dafür wird aber auch viel verlangt. Nicht nur der Beruf des Künstlers, auch die Ausbildung ist schon von großer Konkurrenz geprägt, und die hohen Anforderungen führen viele unserer Studierenden im Laufe ihres Studiums an ihre eigenen Grenzen. Trotzdem schließen bei uns fast 90 Prozent der Studierenden ihr Studium erfolgreich ab, denn alle verbindet eine große Leidenschaft für die Kunst. Es gibt an unserer Hochschule einen Konsens darüber, dass man sich – wie Martin Lücker später schreibt – in „Demut“ etwas Größerem wie der Kunst unterordnen muss. Es gibt die Bereitschaft, dafür auch das Äußerste von sich zu fordern. Eine stets fragende Grundhaltung (vor allem auch sich selbst gegenüber) ist die Voraussetzung für ein erfolgreiches Studium. Und natürlich muss jeder lernen, Verantwortung für sich selber zu übernehmen – im Vorspiel, beim Vorsprechen oder Vortanzen kann sich niemand hinter anderen verstecken. Ob nun deshalb jeder unserer Absol- venten zu einer Elite gehört, das will ich nicht behaupten. Aber auf jeden Fall vermitteln wir als Hochschule Haltungen, die man sich von den Eliten unseres Landes nur wünschen mag. Thomas Rietschel 3

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