1Frankfurt in Takt 10/1 Frankfurt in Takt Herr Zagrosek, als erster Gastdirigent der Jungen Deutschen Philharmonie pflegen Sie regelmäßige Begegnungen mit jungen Musikern. Wie haben Sie nun die Zusammenarbeit mit dem HfMDK-Hochschulorchester erlebt? Lothar Zagrosek Ich war sehr positiv überrascht über die Ernsthaftig- keit und die konzentrierte Zusammenarbeit in den Proben. Angetan war ich von der guten organisatorischen Vorarbeit, und Prof. Rajski hat das Orchester in den Proben vorab glänzend vorbereitet. Vom Geist der Arbeit mit der Jungen Deutschen Philharmonie, die ich immer wieder dirigieren darf, ist in der Arbeitsphase mit dem Hochschulor- chester viel spürbar gewesen. FiT Mit ihm haben Sie unter anderem Beethovens 8. Sinfonie ein- studiert – genau jene, die das Konzerthausorchester Berlin unter Ihrer Leitung als Live-Mitschnitt im Jahr 2008 als CD herausgebracht hat. Zufall oder Absicht? Lothar Zagrosek Beethoven-Sinfonien sind immer noch eine der größten Herausforderungen für einen Musiker. Wichtig ist mir, dass wir Beethoven als Komponist und Künstler der Aufklärung verstehen, der sich mit wachem Auge dem politischen Geist seiner Zeit gestellt hat. Alle Äußerungen in seinen Sinfonien sind wahre Reden an die Menschheit. Um einen entsprechend schnörkellosen und rhetorisch fein differenzierten Ausdruck habe ich mich in der CD-Aufnahme bemüht und auch dem Hochschulorchester nahe zu bringen versucht. FiT Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit mit einer durchweg jungen Orchesterbesetzung von einer solchen mit einem eingespielten Profiorchester? Lothar Zagrosek Die jungen Musiker sind noch deutlicher auf dem Weg, ihre Orientierung nach allen Seiten im Orchester zu finden – zu lernen, auf welche Stimme sie bei einem Harmoniewechsel besonders achten müssen, mit wem sie atmen und wie in der Partitur gerade die musikalischen Hierarchien verteilt sind. Diese Parameter haben Musiker eines Berufsorchesters bereits auf eine andere Weise erfahren. Wichtig war mir in der Arbeitsphase mit dem Hochschulor- chester, jeweils an dem in der vorhergegangenen Probe Erreichten anknüpfen zu können. FiT Wie sollte sich die Arbeit eines Hochschulorchesters optimalerweise gestalten? Lothar Zagrosek Auf zwei Ebenen: Zum einen sollten Orchesterprojekte in der Ausbildung das notwendige Rüstzeug handwerklicher und intellektueller Art vermitteln. Darüber hinaus geht es um die Musizier- erfahrung in einem großen Orchester mit all ihren sozialen Komponen- ten. Musiker sollen hier lernen, sich auf das Ensemblespiel wirklich einzulassen. Professionell ist der Orchestermusiker, der sich – auch bei Ausgefallenem abseits des „mainstream“ – nicht verweigert, Ungewöhnliches für sich selbst vielleicht zwar innerlich ablehnt, aber trotzdem mit professionellem Einsatz aufführt. Dies gilt vor allem für Neue Musik und die dort geforderten ästhetischen und spieltechnischen Voraussetzungen. Eine Hochschule sollte diese in einem Studium vermitteln. Luise Rummel studiert Orchestermusik mit Hauptfach Oboe. Sie ist Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und der Stiftung „Villa Musica“: „Die Rufe nach „Exzellenz“ oder „Elite“ setzen einen schon ein wenig unter Druck, denn wahrscheinlich möchte jeder, der hier studiert, seine Sache gut machen, in etwas der Beste sein. Doch die Maßstäbe, an denen man sich misst, sollte man sich selbst auferlegen. Ob uns dann jemand zur „Elite“ ernennt oder nicht, das ändert schließlich nichts an unserer künstleri- schen Persönlichkeit, an einer musikalischen Aussage oder an einem bewegenden Moment.“ exzellent? Vom schmalen Grat zwischen Anspruch und Ausgrenzung Elitärund Lothar Zagrosek gelang vor dem Hochschulorchester die Balance zwischen künstlerischem Ehrgeiz und pädagogischem Fingerspitzengefühl. Die Hochschule initiiert weitere Gastdiri- gate für die kommenden Semester.
